„Die Kunst findet zu Dir“ Die Galeristin Sina Stockebrand im Interview

Endlich melde ich mich wieder mit einem neuen Beitrag bei euch und das gleich mit einem ganz besonderen. Vor ein paar Wochen hatte ich ja die großartige Möglichkeit, eine virtuelle Ausstellung sehr exklusiver Kunst auf meinem Instagramfeed zu veranstalten. Es hat mir so viel Freude gemacht und ich möchte euch heute nochmals mitnehmen, denn ich habe mich nach der Ausstellung mit Sina unterhalten. Herausgekommen ist ein tolles Interview, das ich hier ungekürzt veröffentlich und von dem man so viel lernen kann. Ich lege es allen ans Herz, die sich mit dem Thema Leben mit Kunst beschäftigen wollen.

Im Anschluss an das Interview gibt es für euch noch die schönsten Bilder dieses tollen Tages. Viel Spaß und ein ganz dickes Dankeschön an Dich, Sina, dass Du dieses besondere Experiment mit mir gestaltet hast!

Liebe Sina,

vor einigen Wochen haben wir hier zusammen im Torhaus in Warnau ein ganz besonderes Experiment gestartet: eine virtuelle Ausstellung mit Kunstwerken aus Deiner Sammlung. Es war grandios zu sehen, wie sie in unseren Räumen wirken und noch besser war es, einen ganz tiefen Einblick in das Thema Kunst und Kunsthandel zu erhalten. Danke erst mal dafür. Ich hatte meinen Followern auf Instagram versprochen, Dich  nochmals zu löchern und ein kleines Interview mit Dir zu führen:

Sina, ich habe Dich als eine Frau kennengelernt, für die ihr Beruf eine wahre Berufung ist. Woher kommt die Liebe zur Kunst? Und wie war Dein Weg zu Deiner jetzigen Aufgabe?

Ja, das stimmt: Ich liebe meinen Beruf über alles und möchte definitiv nichts anderes machen als täglich mit Kunst zu leben und zu arbeiten. Man kann wirklich sagen, dass ich in meine jetzige Aufgabe reingewachsen bin. Je tiefer man in die Materie „Kunst“ einsteigt, desto interessanter und spannender wird es. Meine Großmutter hat bereits alles Mögliche gesammelt: Bilder, Skulpturen, Porzellan und antike Möbel. Sie hatte, vermutlich auch durch die schrecklichen Erfahrungen der Kriegsgeneration, einen besonderen Sinn für das „Schöne“ im Leben. Meine Mutter besitzt diesen Sinn ebenfalls und hat ihn auch beruflich umgesetzt. Sie hat 20 Jahre lang in unserer damaligen Heimatstadt Detmold eine kleine Galerie und Rahmenhandlung geführt. Ich war also schon immer umgeben von Kunstwerken einerseits und unternehmerischem Denken andererseits. Dennoch verspürte ich nach dem Abitur einen Drang zur Abgrenzung zum familiären Kunstbetrieb und wollte etwas Eigenes machen. Nach einer Ausbildung als Industriekauffrau habe ich die Kleinstadt verlassen um in Münster und in München Kunstgeschichte zu studieren. Nach dem Studienabschluss habe ich dann mehrere Jahre im Kunsthandel gearbeitet, als Expertin und Kundenbetreuerin in Deutschlands führendem Auktionshaus für moderne und zeitgenössische Kunst. Von dort aus führte mich mein Weg über ein international agierendes Kunsthandelsunternehmen 2012 in die Selbstständigkeit. Wenn man dort erfolgreich sein möchte, muss man für das was man tut wirklich „brennen“.

Du sagtest mir, Deine Arbeit hat viel mit persönlichen Beziehungen zu tun. Magst Du uns erzählen, wie diese aussehen?

Kunst hat für mich generell sehr viel mit Individualität und Persönlichkeit zu tun. Vor allem die abstrakte Kunst, auf die ich spezialisiert bin, ist Ausdruck persönlicher und geistiger Freiheit der Künstler und der Rezipienten.

Kandinsky hat dazu gesagt: „jedes Bild tritt in eine Interaktion mit dem Betrachter und was er daraus macht, liegt nicht in der Hand des Künstlers.“ Ein bedeutender Kunstsammler formulierte es so: „Die Kunst ist ein eigenes Universum, das parallel zur Wirklichkeit existiert. Interessant ist die Verbindung zwischen diesem Universum und dem Leben, die Energie die überspringt.“ Kunst gibt Dir also eine wunderbare Möglichkeit Dich selbst zu finden und zu verwirklichen.

Auch das Kaufen und Verkaufen von Kunst ist eine sehr persönliche Angelegenheit, bei der es um Aspekte wie Vertrauen, Empathie und Sympathie geht. Ich mag den Kontakt zu meinen Kunden und den persönlichen Austausch von Gedanken. Ich versuche dabei professionell und sachverständig, aber eben auch offen und freundlich aufzutreten. Die Geschichte wie wir. zueinander gefunden haben ist doch ein großartiges Beispiel: Eine Freundin empfiehlt mir Deinen Instagram Account als reine Interior Inspiration. Ich bewundere Deinen Stil und natürlich Eure Kunstwerke und irgendwie passiert es zufällig, dass Du plötzlich mit Deinem Mann auf meinem Messestand stehst und wir ins Gespräch kommen. Ein wenig Kunst, das Aufeinandertreffen von Menschen, jede Menge Sympathie… und schon entsteht daraus etwas total Spannendes.

Auch für den Erfolg meiner Arbeit sind persönliche Kontakte von großer Bedeutung. Ein gutes und funktionierendes Netzwerk zu Auktionshäusern, Galeristen, Experten, Rahmenmachern, Museen, Kuratoren und Versicherungsmaklern ermöglicht es mir meine Kunden tagtäglich in allen Bereichen qualifiziert zu beraten und zu unterstützen.

Wie finde ich denn das für mich passende Kunstwerk? Wie schule ich mein Auge? Und wie siehst Du Deine Aufgabe in diesem Prozess.

Interessanterweise finden die für Dich passenden Kunstwerke meist von ganz alleine zu Dir, wenn Du offen dafür bist. Die Schulung Deiner Augen ist dabei das A und O. Deshalb ist meine Empfehlung: Schauen, schauen, schauen. Lernen, lesen, schauen und dann natürlich auch irgendwann anfangen zu kaufen. Geh´ in Museen und Ausstellungen, besuche die zahlreichen Galerien und Kunstmessen. Das Angebot ist groß. Schau, was die Kunst mit Dir macht. Wenn Dich ein Künstler oder eine Stilrichtung anspricht, vertiefe Dein Wissen dazu in der Literatur, mit Internetrecherchen und Gesprächen mit entsprechenden Fachleuten. Es ist ein lebenslanger Lernprozess, leider zeitaufwendig aber enorm bereichernd. Ich verbringe sicher 50% meiner täglichen Arbeitszeit mit Recherchen, dem Screenen des Marktes und für die Akquise meiner Kunstwerke. Ich selektiere, denn der Markt ist relativ groß und unübersichtlich. Ich sortiere aus und suche sozusagen nach den Trüffeln. Im Ergebnis präsentiere ich meinen Kunden dann eine kleine, aber qualitativ gesicherte Auswahl an Kunstwerken. Ich berate und leihe den Käufern quasi mein Auge, mein Fachwissen und meine Erfahrung.

Wir haben viel darüber gesprochen, dass viele Menschen doch eine gewissen Scheu davor haben, mal  in eine Galerie zu gehen oder einen Kunsthändler zu kontaktieren. Du bist so sympatisch, dass Du einem das wirklich leicht machst. Was meinst Du woran liegen diese Schwellenängste?

Die Präsentation von Kunst in Museen vermittelt oftmals etwas Fernes, Sakrales, Entrücktes. Die großzügigen, oft nüchternen Ausstellungsräume haben eine Rückwirkung auf die Kunst. Dies schafft ein Gefühl von Distanz und Ehrfurcht.

Hinzu kommt, dass die Presse in der Regel nur von großen musealen Ausstellungen und Auktionserfolgen berichtet, wo ein Rekordergebnis in Millionenhöhe das nächste jagt. Und dann sind da noch die bedeutenden Kunstmessen, wo die High Society und das Who ist Who sich tümmelt, um mit den Einladungen zur VIP Preview aufzutrumpfen um möglichst als Erste das gerade angesagteste It-Piece des neuen Ausnahmekünstlers zu erstehen oder, noch schlimmer, sich auf die Warteliste setzen zu lassen. Dieses von den Medien geschaffene Bild des Kunstmarktes ist jedoch nicht repräsentativ. Man darf sich davon nicht abschrecken lassen.

Es gibt durchaus sehr gute Kunstwerke für jeden Interessierten und auch für jedes Budget.

Fakt ist: Das Leben mit Kunst zu Hause ist alles andere als nüchtern und distanziert.

Man sollte auf gar keinen Fall ängstlich an die Sache herangehen, vielmehr sind Neugier, Selbstbewußtsein und Spaß an der Materie hier die besseren Berater. Schließlich holt man sich die Kunst in die eigenen vier Wände. Man entwickelt eine Beziehung zu den Werken, die sich mit der Zeit verstärkt und weiterentwickelt. Wie in menschlichen Beziehungen auch. Das ist extrem spannend.

Was rätst Du Menschen, die sich mit dem Thema Kunst beschäftigen wollen und ein Kunstwerk erwerben wollen? Worauf sollte ich achten?

Wenn Du Dich schon länger mit dem Thema Kunst auseinandergesetzt hast, kannst Du eigenständig losmarschieren und auf Entdeckungstour gehen. Wenn Du „Anfänger“ bist, lass wie bereits gesagt keine Möglichkeit der persönlichen Erfahrung von Kunst aus und schaue Dir alles an, was Dir unter die Augen kommt. Fang an über die Kunst, die Dich anspricht zu lesen und zu recherchieren. Schau was Dir gefällt und informiere Dich darüber. Ziehe die entsprechenden Fachleute und Galeristen zu Rate. Leider ist der Kunstmarkt auch voller Gefahren und z.B. das Thema Kunstfälschungen ist in den letzten Jahren zu einer immensen Problematik herangewachsen. Prüfe also genau, von wem Du Dich beraten lässt.

Was macht denn den Preis eines Kunstwerks aus?

Haha, wenn ich Dir diese Frage pauschal beantworten könnte, wäre ich vermutlich Millionär 😉

Aus einem Keilrahmen und einer Leinwand, aus Papier und Farben entstehen Bilder, deren Mehrwert quasi frei erfunden ist. Kunst wird zu Kapital, weshalb der bekannte Sammler Hermann Bode bereits in den 1920er Jahren resümierte: „Alle Kunst ist Zauberei“.

Es gibt aber tatsächlich einige Faktoren, die bei einer realistischen Bewertung von Kunst zu berücksichtigen sind, z.B.

  • Der Künstler und seine Biographie
  • Die Stellung des Künstlers innerhalb der Kunstgeschichte
  • Die Bedeutung des Bildes innerhalb des Oeuvres
  • Die Qualität des Bildes an sich
  • Der Zustand des Bildes
  • Die Entstehungszeit des Bildes
  • Die Provenienz
  • Die Ausstellungshistorie
  • Die Seltenheit
  • Von welcher/welchen Galerie/n wird der Künstler vertreten
  • Und schließlich natürlich die Nachfragesituation am Markt

Und was sind Deiner Meinung nach Möglichkeiten, mit kleinem Budget tolle Kunst zu finden?

Je nachdem, welchen Anspruch Du an Deine Sammlung haben möchtest gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wenn Du Dir dein Zuhause mit originaler Kunst schön und individuell gestalten willst, gibt der Markt an zeitgenössischen Künstlern viel her. Du kannst in den Social Media schauen, auf Messen und in Galerien. Überall wirst Du auf gute Künstler treffen, die vielleicht am Anfang einer Karriere stehen und deren Werke durchaus erschwinglich sind. Du kannst z.B. auch zu den Präsentationen und Abschlussrundgängen der bekannten Kunstakademien gehen und dort schauen. Um hier erfolgreich zu agieren, solltest Du Dein Auge aber schon entsprechende geschult haben, um eben ein gutes Werk von einem mittelmäßigen zu unterscheiden.

Möchtest Du darüber hinaus auch den „Werthaltigkeitsaspekt“ beim Sammeln von Kunst berücksichtigen oder fühlst Dich mit der Bewertung zeitgenössischer Kunst überfordert, dann wiederum empfehle ich ganz klar auf etablierte Namen und Künstler mit Ausstellungshistorien zu setzen und vielleicht dort statt mit hochpreisigen Unikaten zunächst mit limitierten, signierten Editionen zu starten. Hier liegt auch ein Schwerpunkt meines Angebotes.

Ist Kunst noch eine gute Investition? Und was sollte im Vordergrund stehen? Das Investment oder die Liebe zum Objekt?

Auf jeden Fall halte ich Kunst für eine gute Investition. Sie ist eine enorme Bereicherung für Dein Leben. Insofern sollte immer die Liebe und die Freude zum Objekt an erster Stelle stehen. Da man aber möglicherweise auch recht viel Geld für Kunst ausgibt, ist es natürlich legitim den Gedanken an Werthaltigkeit und Wertsteigerung beim Kunstsammeln mit einzubeziehen. Hierzu eignen sich wie gesagt am besten „klassische Objekte“ von renommierten Künstlern, die auf dem nationalen und internationalen Markt stabil gehandelt werden. Den Hype um die Contemporary Art und ganz allgemein die Kunst als kurzfristiges, spekulatives Investment mit überdimensionalen Preissteigerungsmöglichkeiten betrachte ich dagegen kritisch.

Wie sieht denn Dein persönliches Leben mit Kunst aus?

Die Bilder sind Teil unseres Alltags, unser Haus ist voll davon und ständig wandert etwas von einem an den anderen Platz, wird getauscht oder ergänzt. Das ist ein sehr dynamischer und kreativ gestalterischer Prozess. Es gibt aber auch Bilder die bleiben an bestimmten Positionen, weil es einfach ein „perfect match“ von Bild und Umgebung ist. Ich möchte die Kunst ganz nah um mich haben, das motiviert und beflügelt mich in meiner Arbeit. Mein Mann teilt das Interesse glücklicherweise und wir tauschen uns viel dazu aus. Zum Glück ist er dennoch etwas rationaler in den Angelegenheiten und holt mich, wenn nötig, zurück aus manchem Traum von doch unrealistischen Investitionen. Für die beiden Kinder (4 und 7 Jahre)  ist Kunst an den Wänden eine Selbstverständlichkeit: „die Mama und ihre Bilder“, das gehört für sie zusammen. Sie nehmen das erstaunlicherweise sehr bewusst wahr, auch wenn wir in keinster Weise versuchen, sie mit Informationen zu kleinen Kunstexperten zu erziehen. Ich freue mich, wenn sie mir oft über die Schulter schauen und ihre eigenständige Meinung zu verschiedenen Werken kundtun.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Werden wir die tolle Austellung wiederholen? Und wie kann man Dich ansonsten treffen?

Es hat mir super viel Spaß gemacht und deine tollen Räumlichkeiten sind eine perfekte Bühne für meine Bilder. Ich bewundere Deine tollen Fotos, die dabei entstanden sind. Das macht definitiv Lust auf mehr!

Wenn jemand in Sachen Kunst nun neugierig geworden ist: eine Auswahl meines Angebotes findet Ihr auf meiner Webseite www.sinastockebrand.de oder auf meinem Instagram Account. Dort kann man jederzeit stöbern und sich inspirieren lassen. Für weitere Informationen kann man mich dann gerne persönlich kontaktieren.

In diesem Jahr wurden ja leider fast alle Veranstaltungen und Messen, an denen ich normalerweise teilnehme, Corona bedingt abgesagt. Ich hoffe sehr, dass ich im nächsten Jahr meine Messetätigkeit wieder aufnehmen kann. Wer möchte, kann sich auch per Email für meinen Newsletter anmelden und/oder sich für den Versand von Katalogen registrieren. Ich würde mich darüber freuen!

Ganz herzlichen Dank an Dich, liebe Sina, für dieses spannende Gespräch!

Mehr Infos zu den einzelnen Werken findest Du auf Sinas Website. Das Video der Ausstellung gibts auf IGTV auf meinen Instagramfeed. Schaut doch mal vorbei. 

Was für ein Vergnügen: Sina brachte große Kunst ins Haus.
Super spannend zu sehen, wie Kunst Räume verändert auch wenn wir nicht alles perfekt hängen konnten

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